Update Ukraine - 24.10.2022

Ihr Lieben,

wie ihr ja wisst, verstehen wir uns auch als Brückenbauer. So versuchen wir bei all unseren internationalen Aktivitäten, Brücken zu bauen.

Brücken zwischen Menschen, Länder und Kulturen. Hinweg über Grenzen, Barrieren und Kontinente. Umso schöner ist es, wenn die Brücken die wir bauen, auch tatsächlich von Menschen genutzt und letztlich auch überquert werden. So geschah es dann auch die letzten Tage! Wir freuen uns sehr, dass uns unser alter Freund und langjähriger Partner, Ali von İmece İnisiyatifi Derneği, für einige Tage hier vor Ort besucht und bei einem langen und schwierigen Einsatz in die Ukraine begleitet hat.

Bei diesem Einsatz waren drei Dörfer und Kiev City unser Ziel. Wir hatten geplant für ca. 170 Familien, in drei Dörfern Lebensmittelpakete und warme Wolldecken zu bringen. Zudem stand auf dem Plan, in Kiev ein Militär Hospital zu besuchen und dringend benötigtes, medizinisches Gerät und Lebensmittel zu distribuieren. Insgesamt ca. sechs Tonnen Hilfsgüter, davon 150 Lebensmittel Boxen, galt es in der Vorbereitung zu verpacken und zu verladen. Gesagt, getan. Der gesamte Verpackungs- und Verladevorgang lief, bis auf einige Verzögerungen, relativ planmäßig und reibungslos. Nach, am Ende dann leider doch, viel zu wenig Schlaf, ging es mit Fahrzeug 1 um 00:30 Uhr in Polen los. Von dort überquerten wir, ausnahmsweise sehr zügig, die Grenze, um uns dann in der Ukraine mit dem Rest des Teams und Fahrzeug 2 zu treffen. Gegen 03:00 Uhr brachen wir dann, als Konvoi, auf unsere ca. 800km lange Fahrt, Richtung Nord-Osten der Ukraine auf. Kurz nach Sonnenaufgang dann der erste „Notruf“ über Funk von Fahrzeug 2. Eine Reifenpanne. Glück im Umglück! Ca. 20m hinter einer Leitplanke, platze hinten rechts der Reifen, so, dass das Fahrzeug ungehindert auf dem seitlichen Randstreifen ausrollen konnte. Allen geht es, bis auf den Schrecken, gut! Nichts passiert. Schon nach wenigen Minuten kommt uns ein anderer Truck zu Hilfe. Wie wunderbar hilfsbereit die Menschen hier doch sind. Trotz der tatkräftigen Unterstützung, hatten wir, um das Rad zu wechseln, mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nach ca. 1,5 Std. in der Kälte, ging es dann endlich weiter.


In Kiev angekommen, machten wir uns direkt auf den Weg Richtung Hospital. Gerade als wir die Stadtgrenze erreicht hatten, ertönten auch schon die Sirenen. Raketenalarm. Also schnell einen sichern Platz suchen und erstmal anhalten. Mit Hilfe der elektronischen Informationsmedien versuchten wir herauszufinden was los war. Nach telefonischer Rücksprache mit unserem Ansprechpartner im Hospital und der Info, dass, Dank eines vorhandenen Gabelstaplers, ein schnelles Abladen vor Ort gewährleistet ist, entschieden wir uns dazu weiterzufahren und in der Klinik zügig abzuladen.


Mitten im Abladevorgang dann die erste Explosion, kurz darauf die zweite. Wir spürten die Druckwelle, konnten aber weder feststellen woher der enorme Knall gekommen war, noch sehen ob irgendwo Rauch aufstieg. Später erfuhren wir, dass fünf Raketen auf Kiev abgefeuert wurden, die aber alle von der Ukrainischen Luftabwehr abgefangen werden konnten.

Gleich im Anschluss machten wir uns auf den Weg in Richtung zu einem der Dörfer, ca. 80km von Kiev entfernt. In den vielen, teils komplett zerstörten Dörfer, wird einem das Ausmaß und die Grausamkeit dieses Krieges, erst Richtig bewusst. An mancher Stelle, wo einst einmal ein Haus stand, sind nur noch die verkohlten Grundmauern zu sehen. Dächer sind durch Artillerie zerstört und Fenster von Druckwellen und Splittern geborsten. Zäune sind durch intensiven Beschuss wie Siebe durchlöchert und werden so, unfreiwillig zu stummen Zeugen grausamer Gefechte inmitten der Dörfer. Wir vermögen uns kaum vorzustellen, was sich dort noch vor kurzem angespielt haben könnte.


Die Menschen, die wir treffen, begrüßen uns freundlich, fast schüchtern. Freuen sich, dass endlich jemand kommt um sie zu unterstützen. Eines der Dörfer hatte vor den Kämpfen etwa 790 Häuser. Also rund 790 Familien, die dort ehemals friedlich gelebt hatten. Das Dorf, welches heute nahezu vollständig zerstört ist, beherbergt nur och ca. 80 - 90 Familien. Die zurück gebliebenen sind hauptsächlich alte Menschen, Frauen und Kinder oder kranke Menschen. An manchen Stellen werden notdürftige Reparaturen durchgeführt. Folien und Bretter vor zerbrochene Scheiben montiert, Dächer werden abgedeckt und neue Mauern errichtet. Die Menschen berichten uns aufgeregt von ihren Erlebnissen, zeigen uns Fotos und Videos. Als es dunkel wird fragen wir, warum nirgendwo Lichter brennen? Kein Strom, kein Gas. Die versorgende Infrastruktur ist vollständig zusammengebrochen. Während wir Lebensmittel und warme Decken verteilen, blicken wir in sorgenvolle Gesichter. Nachdenklich verlassen wir diesen Ort und fahren weiter in die Nacht. Es ist still in unserem Fahrzeug.


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